Achtung, selbstgebastelte Theorie

Also: Ich versuche mal aus der Fülle an Infos zu erklären, was der Sinn und Zweck des Konzeptes von Frau Iven ist. Um es etwas steil zu formulieren: Das oberste Ziel der menschlichen Existenz liegt in der Kommunikation. Deshalb ist es wichtig, dass auch Menschen mit Beeinträchtigung, wollen sie am gesellschaftlichen Leben Teil haben, Sprechen lernen müssen. Wollen sie zudem eine Regelschule besuchen, so sind Lesen und Schreiben die Türöffner zum regulären Schulsystem. Iven geht davon aus, dass sich Sprache durch Wahrnehmung entwickelt. Wenn ich einen Apfel anfassen kann und ein Bild davon bekomme, wie schwer der ist und ob er mir schmeckt, assoziiere ich später bei dem Begriff Apfel automatisch die nötigen Informationen und mir läuft vielleicht sogar das Wasser im Mund zusammen. Menschen mit einer Beeinträchtigung können nun die Erfahrungen oft nicht so schnell abspeichern. Sie fühlen den Apfel nicht konkret, sie können mit seinem Gewicht nichts anfangen und wenn sie ihn nicht kauen können, fehlen ihnen eine Menge Informationen die zu dem Begriff „Apfel“ gehören. Etwas was ich aber nicht kenne, kann ich mir auch nur schwer merken, vor allem wenn es erst mal sinnfrei bleibt. Der Begriff “Ijhvjbsuiz” kann zwar was ganz dolles sein, aber wenn man davon keine Ahnung hat, wird man sich den nur sehr schwer einprägen können. Und so ergeht es Menschen mit einer Beeinträchtigung. Für die ist “Apfel” wie “Ijhvjbsuiz”. Nun kann ich versuchen, den Menschen die einzelnen Begriffe mit ihren Eigenschaften durch permanentes Üben  wie auswendig gelerntes Wissen ohne Sinngehalt einzutrichtern, oder ich versuche an ihrer Wahrnehmung zu arbeiten. Damit sie das nächste Mal, wenn sie einen Apfel in die Hand nehmen und dann hineinbeißen, die nötigen Informationen über dieses Wort erhalten und abspeichern können. Und auf dieser Ebene wird im Therapiezentrum Iven gearbeitet. Um es mit meinen einfachen Worten zu sagen: Es geht darum, Wahrnehmung zu schulen.

Therapiezentrum Iven

“Wow, was für ein Haus!” war heute Morgen mein erster Gedanke. Offen, freundlich und kindgerecht, wo gibt’s denn so was? Auf jedem Stockwerk gibt es eine gut sortierte Kinderspielecke. Unten für die Eltern eine Selbstbedienungscafeteria in der sie für sich und ihr Kind auch etwas kochen können. Insgesamt arbeiten 35 Therapeuten aus den Bereichen Logo-, Ergo- und Physiotherapie unter diesem Dach. Wo Tim und ich gelandet sind? Im Therapiezentrum Iven. Das Spannende an dieser Einrichtung ist: Die drei Fachrichtungen sprechen nicht nur miteinander, sondern stimmen sich auch noch zum Wohle des Kindes miteinander ab. Am Anfang steht ein langes Elterngespräch, wo alles von der Schwangerschaft über Geburt bis heute abgefragt wird. Die Krankengeschichte gehört ebenso dazu wie der momentane Entwicklungsstand. Alles wird in einem Ordner festgehalten, der allen anderen Therapeuten zugänglich ist. Das hat zur Folge, dass wir in dieser ganzen Woche immer gleich mit Tims „Arbeiten“ anfangen konnten, weil sich alle anderen, denen wir in dieser Woche begegnet sind, vorbereitet haben und dann nur noch während der Arbeitsphasen an einigen wenigen Stellen noch einmal nachhaken mussten. Genauso werden nach jeder Stunde in einem Ordner, den wir immer mitbringen, die einzelnen Arbeitsschritte festgehalten. Das Konzept nach dem hier gearbeitet wird beruft sich auf eine Frau Paduan. Und das Ziel ist es, dass am Ende der Woche ich die „Therapeutenrolle“ mit einem festen Arbeitsplan für Tim übernehme und wir für die nächsten Monate mit einem Übungsprogramm ausgestattet werden. Tim hat jeden Tag drei Termine zu absolvieren. D.h. für so einen dreijährigen Kerl ganz schön viel zu arbeiten.